Blog 11: Burnoutprävention Müßiggang

Burnoutprävention: Müßiggang

Burnout ist weit verbreitet. Viele Menschen machen heute diese schmerzvolle Erfahrung. Aber was können wir tun, damit es gar nicht so weit kommt? Wie können wir Burnout vorbeugen? Eine mögliche Antwort: Müßiggang.

Aber Müßiggang – was ist das? Es ist ein bisschen ein altmodisches Wort, nicht wahr? Ich weiß nicht, ob heutige Kinder das Wort kennen. Sie würden vielleicht eher „chillen“ sagen. Oder „nichtstun“. Einfach nichts tun. Im Italienischen gibt es das „dolce Farniente“, das süße Nichtstun. Im Wort Müßiggang steckt auch das andere schöne Wort „Muße“. Muße haben ist gleich Zeit haben. Zeit haben für den Luxus des Nichtstuns. Wenn man Muße hat, ist die Gefahr des Ausbrennens geringer.

Müßiggang: Eine Kunst? Ein Luxus? Ein Laster? Eine Notwendigkeit?

Sagen wir mal Müßiggang ist Nichtstun, das süße Nichtstun. Fällt es Ihnen leicht nichts zu tun? Vielleicht im Urlaub, wo die Uhren ein bisschen anders ticken? Auch unsere innere Uhr. Der Urlaub eignet sich gut für Müßiggang, denn da müssen wir meist gar nicht so viel auf die Uhr schauen. Da ist es oft egal, wo wir wann sind. Wir können es uns einfach gut gehen lassen. Aufstehen wann wir wollen, essen wann wir hungrig sind und auch schlafen gehen, wann es uns gefällt. Wenn Sie an Ihren letzten Urlaub denken, war da Zeit für dieses ziellose Nichtstun?

Vielleicht aber gehören Sie ja eher zu den Menschen, die Aktivurlaube lieben. Sie wollen nicht einfach nur faul sein, sondern was erleben, sich sportlich herausfordern, Kultur genießen, Sehenswürdigkeiten und neue Orte besichtigen. Wie sieht es da mit dem Müßiggang aus?

Oder am Wochenende? Oder gar während einer Arbeitswoche? Nehmen Sie sich da Zeit zum Nichtstun? Zum Faulsein oder Faulenzen?

Wie geht Nichtstun?

Was tun wir eigentlich, wenn wir „nichts“ tun? Sind wir dann tatsächlich untätig? Oder verbringen wir unser Nichtstun mit Tätigkeiten, die wir für „unnötig“ und „unwichtig“ erachten, jedenfalls nicht „leistungsorientiert“?

Wenn wir über ein Wochenende erzählen, an dem wir „nichts“ getan haben, dann sagen wir z. B. „Ich hab nur ein bisschen gelesen, den ganzen Tag auf dem Sofa verbracht, die ganze Zeit getrödelt.“ Das klingt dann manchmal nach schlechtem Gewissen und nach einer gewissen Abwertung. Wir bedauern, dass wir nicht produktiv waren bzw. dass wir uns gelangweilt haben und mit unserer Zeit lieber was „Besseres“ anfangen hätten wollen oder sollen. Aber wir waren „untätig“ und faul. Wir haben nicht die Kraft aufgebracht, etwas Herzeigbares zu tun oder zu schaffen. Wir haben die Zeit nicht gut genützt. Das ist kein angenehmes Gefühl.

Müßiggang – der Anfang des Niedergangs???

An so einem Wochenende waren wir vielleicht einfach nur überarbeitet und erschöpft und konnten deshalb nur „nichts tun“. Wir hatten keine Energie übrig für was anderes. Das ist manchmal eine Tatsache und wir sollten dem Rechnung tragen!

Unser moderner Alltag ist nämlich gar nicht mußevoll. Unsere Tage sind durchgetaktet. Viele von uns stehen ständig unter Strom und Anspannung. Wir müssen und wollen auch was leisten. Wir sind beruflich gefordert und privat haben wir ebensfalls einiges zu stemmen. Wir wollen viel erreichen. So füllen wir unsere Tage mit Tätigkeiten von morgens bis abends. Selbst wenn wir merken, dass uns das eigentlich zu viel ist. Aber streichen wollen wir auch nichts. Wir sind ständig im Tun-Modus und wenig im Sein-Modus. Ich behaupte, wir sind wenig in Verbindung mit uns selbst. So übersehen und überhören wir leicht Signale, die uns unser Körper sehr wohl sendet. Der Preis dafür kann hoch sein. Wir erschöpfen uns und brennen innerlich aus, ohne es wahrhaben zu wollen. Zum Burnout ist es ein schleichender Prozess.

Lesen, flanieren, auf einer Parkbank sitzen, eine Zeitschrift durchblätttern, im Kaffeehaus sitzen, in die Luft schauen, in der Hängematte, im Gras oder auf dem Sofa liegen, fernsehen… all das sind Tätigkeiten, die wir auch als „nichts tun“ oder „faul sein“ bezeichnen. Wie geht es uns bei solchen Tätigkeiten, wo wir uns eher passiv erleben? Sind wir dabei glücklich? Tun uns diese Tätigkeiten gut?

Vielleicht hängt es vom Maß ab? 

Wenn wir uns auf diese Art des Nichtstuns im Urlaub, am Wochenende oder Feierabend freuen, dann freuen wir uns auf ein selbstbestimmtes Tun, ohne dabei auf die Uhr schauen und ohne dabei was leisten zu müssen. Ohne überhaupt etwas zu MÜSSEN. Einfach Zeit zu haben für das, was wir WOLLEN. Wir sehnen uns nach Ausstieg aus unserem geschäftigen Hamsterrad und vielleicht sogar nach Langsamkeit. Dieses Nichtstun ist dann Synonym für Urlaub oder Erholung.

Erzwungenes Nichtstun und „bore out“

Nichtstun kann jedoch auch als Fluch erlebt werden. Wenn unsere Untätigkeit unfreiwillig ist, wie etwa wenn wir „arbeitslos“ sind, oder pensioniert und keine Aufgaben mehr haben. Oder wenn wir warten müssen. Oder wenn wir unsere Arbeit als langweilig erleben, weil wir einfach nichts zu tun haben. Das erleben wir als äußerst unbefriedigend und belastend. Es gibt ja auch das Phänomen des „bore out“. Es ist das Erlöschen unseres Feuers und unseres Antriebs aufgrund von Langeweile oder weil uns „alles sinnlos“ erscheint. Auch „bore out“ bedeutet Stress und macht unglücklich. Unser Gehirn braucht Abwechslung und unser Dasein braucht Sinn!

Leistungsverweigerung

Wir können es mit dem Müßiggang auch übertreiben. Z. B. wenn wir nur noch faul sein und chillen wollen. Wenn wir den Anspruch haben, dass alles leicht und anstrengungslos gehen muss. Überhaupt, dass alles Spaß machen muss. Vielleicht fehlt uns dann der Sinn, warum es sich auszahlt, sich für etwas einzusetzen, auch wenn das nicht reibungslos geht und auch wenn es uns einiges abverlangt: Disziplin, Durchhaltevermögen, Unannehmlichkeiten… Das Wort Disziplin löst bei vielen Menschen von vornherein schon Widerstand aus. Wenn wir ausschließlich oder übermäßig chillen, können wir jedoch keine Erfolge einfahren. Aber wir brauchen Erfolge und gemeisterte Herausforderungen, um zu wachsen und glücklich zu sein.

Burnoutprävention und Boreoutprävention: Balance und Ausgleich

Es ist eine Kunst, zwischen Aktiv- und Passivphasen abzuwechseln. Es liegt ans uns für genügend Reize und Anreize zu sorgen, damit wir in die Gänge kommen für Anliegen, die uns wichtig sind. Wir brauchen Reize, die uns anregen und Reize, die uns entspannen. Wir brauchen Ausgleich zwischen den Extremen.

Unser moderner Lebensstil ist geprägt von Schnelligkeit, Effizienz und Leistung. Also eher dem Gegenteil von Müßiggang. Wenn das nicht so dominant und vorherrschend wäre, wäre dagegen ja nichts auszuwenden. Umso mehr sind wir aber gefordert da gegenzusteuern. Oder sagen wir lieber, auch andere Qualitäten in unser Leben einzuladen. Wo dürfen wir ein wenig vom Gaspedal steigen? Wo ist es sinnvoll, wo notwendig? Wo können wir uns Räume schaffen, wo wir nicht effizient sein müssen? Ich denke zum Beispiel an unsere Beziehungen. Wie förderlich kann es da sein, einander wahrzunehmen, zu sehen und gesehen zu werden. Wie oft nehmen wir uns Zeit für freundlichen, wohlwollenden Augenkontakt?

Bei sich sein

Bei der Fachtagung der Mal- und Gestalttherapeut*innen Ende Oktober 2022 bekamen wir Teilnehmenden eine Karte geschenkt mit der Frage:

„Wann warst du zuletzt in Begegnung mit dir selbst, jenseits von richtig und falsch?“

Was für eine wertvolle Frage! Wie heilsam ist es doch, gut bei sich sein zu können, sich gut aushalten und leiden zu können. Sich selbst ein gutes inneres Zuhause zu schaffen. Sich selber Aufmerksamkeit zu schenken, freundlich und neugierig zuzuwenden und die Fähigkeiten des Wahrnehmens zu kultivieren. Das schafft eine gute Basis dafür, dass wir mit anderen Menschen in Verbindung gehen und sein können. Bei sich zu sein macht das Leben interessant und schön. Das friedliche Verbundensein mit anderen macht unser Leben sinnvoll und uns glücklich.

Müßigang als Kunst

Müßiggang kann eine Kunst sein. Wenn wir uns Langsamkeit erlauben, Sinnlichkeit und bewusstes Genießen. Wenn wir uns dem Sein hingeben, den schönen, den kontemplativen, den philosophischen Seiten des Lebens. Wenn wir unseren Sinnen Aufmerksamkeit schenken, um Dinge wahrzunehmen, die im geschäftigen Alltag leicht übertönt und übergangen werden.

Müßiggang ist Zeitwohlstand pflegen. Wieder so ein schönes Wort! Ich kenne es von Vivian Dittmar, die sich in ihrem 2021 erschienenen Buch „Echter Wohlstand. Warum sich die Investition in inneren Reichtum lohnt“ ebenso mit Wohlstand in unseren Beziehungen, in der Ökologie, Spiritualität und Kreativität beschäftigt. Wenn wir uns um echten Wohlstand und inneren Reichtum kümmern, ist die Gefahr des Ausbrennens kleiner.

Ich wünsche uns allen, dass wir diese Art des Müßiggangs pflegen können, besonders im Alltag! Unser Geist und unser Körper werden es uns danken.

Teilen Sie hier gerne, was Müßiggang für Sie ist und wie Sie Müßiggang in Ihrem Alltag pflegen!

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